Den richtigen Stundensatz zu finden ist eine der schwierigsten Entscheidungen für Freelancer und Selbständige in der Schweiz. Setzt du ihn zu tief an, arbeitest du unter Wert und kannst deine Kosten nicht decken. Setzt du ihn zu hoch an, verlierst du Aufträge. Die gute Nachricht: Der optimale Stundensatz lässt sich rechnerisch ermitteln — wenn du weisst, welche Kosten du einkalkulieren musst.
In diesem Artikel zeigen wir dir die komplette Formel, rechnen ein konkretes Beispiel durch und geben dir eine Übersicht über branchenübliche Stundensätze in der Schweiz.
01Die Grundformel für den Stundensatz
Dein Stundensatz muss alle Kosten decken, die ein Angestellter nicht hat — plus einen Gewinn, der dein gewünschtes Nettoeinkommen ergibt. Die Formel:
Jede dieser Komponenten schauen wir uns im Detail an:
02Verrechenbare vs. nicht-verrechenbare Stunden
Der grösste Fehler bei der Stundensatzberechnung: Nicht alle Arbeitsstunden sind verrechenbar. Du arbeitest auch ohne Auftrag — Akquise, Administration, Buchhaltung, Weiterbildung, Offerten schreiben. Diese Stunden kannst du keinem Kunden in Rechnung stellen.
Realistisch sind 60–70% verrechenbare Stunden. Die Berechnung:
| Position | Tage / Stunden |
|---|---|
| Kalendertage pro Jahr | 365 |
| Minus Wochenenden | −104 |
| Minus Feiertage (Schweizer Durchschnitt) | −9 |
| Minus Ferien (4–5 Wochen) | −25 |
| Minus Krankheit / Ausfall | −5 |
| = Verfügbare Arbeitstage | 222 |
| × 8 Stunden pro Tag | = 1'776 Stunden |
| × 65% Auslastung (verrechenbar) | = ca. 1'155 Stunden |
Mit 1'155 verrechenbaren Stunden pro Jahr hast du eine realistische Basis. Anfänger sollten eher mit 60% (ca. 1'066 Stunden) rechnen, erfahrene Freelancer mit effizienter Akquise schaffen bis zu 70% (ca. 1'243 Stunden).
03Diese Kosten musst du einkalkulieren
Als Selbständiger in der Schweiz trägst du Kosten, die bei Angestellten der Arbeitgeber übernimmt. Diese musst du in deinem Stundensatz einpreisen:
1. Sozialabgaben (AHV/IV/EO)
Selbständige zahlen den gesamten AHV/IV/EO-Beitrag alleine — bei Angestellten teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Kosten je hälftig. Der Beitragssatz beträgt 2025/2026 insgesamt 10.0% auf Einkommen ab CHF 58'800 (sinkende Beitragsskala bei tieferem Einkommen). Dazu kommt die Verwaltungskostenpauschale der Ausgleichskasse (ca. 1–3% auf die Beiträge).
2. Berufliche Vorsorge (BVG / 2. Säule)
Selbständige sind nicht BVG-pflichtig, können sich aber freiwillig anschliessen. Wenn du dich versichern willst — was empfehlenswert ist —, trägst du die gesamten Beiträge selbst (bei Angestellten zahlt der Arbeitgeber mindestens die Hälfte). Rechne mit 10–15% des Einkommens, je nach Vorsorgeplan und Alter.
3. Säule 3a
Selbständige ohne BVG-Anschluss dürfen 2025/2026 bis zu 20% des Erwerbseinkommens, maximal CHF 36'288 in die Säule 3a einzahlen. Mit BVG-Anschluss sind es maximal CHF 7'258. Diese Beiträge sind steuerlich abzugsfähig und sollten in die Kalkulation einfliessen.
4. Versicherungen
- Krankentaggeldversicherung: ca. CHF 1'500–3'000 pro Jahr (deckt Lohnausfall bei Krankheit — als Selbständiger gibt es keinen Arbeitgeber, der weiterzahlt)
- Unfallversicherung (UVG): Selbständige sind nicht obligatorisch UVG-versichert, können sich aber freiwillig versichern (ca. CHF 1'000–2'500 pro Jahr)
- Berufshaftpflichtversicherung: Je nach Branche CHF 300–1'500 pro Jahr
5. Betriebskosten
- Büromiete oder Coworking (CHF 300–1'000/Monat)
- Hardware (Computer, Monitor, Peripherie — als Abschreibung)
- Software und Lizenzen (CHF 100–500/Monat)
- Telefon und Internet (CHF 100–150/Monat)
- Weiterbildung (CHF 1'000–3'000/Jahr)
- Buchhaltung, Steuererklärung (CHF 500–2'000/Jahr, oder selbst mit einzly)
- Marketing und Akquise (CHF 0–5'000/Jahr)
04Beispielrechnung: Stundensatz berechnen
Sarah ist selbständige UX-Designerin in Bern. Sie möchte netto CHF 80'000 pro Jahr verdienen (vergleichbar mit einem Bruttolohn von ca. CHF 100'000 als Angestellte). So berechnet sie ihren Stundensatz:
Schritt 1: Jahreskosten berechnen
| Position | Betrag / Jahr |
|---|---|
| Gewünschtes Nettoeinkommen | CHF 80'000 |
| AHV/IV/EO (10.0%) | CHF 8'000 |
| Freiwillige BVG-Beiträge | CHF 6'000 |
| Säule 3a | CHF 7'258 |
| Krankentaggeldversicherung | CHF 2'400 |
| Unfallversicherung (freiwillig UVG) | CHF 1'800 |
| Berufshaftpflicht | CHF 600 |
| Coworking-Space (12 × CHF 500) | CHF 6'000 |
| Hardware (Abschreibung) | CHF 1'500 |
| Software und Lizenzen | CHF 3'600 |
| Telefon / Internet | CHF 1'440 |
| Weiterbildung | CHF 2'000 |
| Marketing / Website | CHF 1'500 |
| Buchhaltung (einzly-Abo) | CHF 200 |
| Gewinnmarge / Puffer (10%) | CHF 12'230 |
| Total Jahreskosten | CHF 134'528 |
Schritt 2: Fakturierbare Stunden berechnen
Sarah rechnet mit 65% Auslastung (sie ist seit 3 Jahren selbständig und hat einen soliden Kundenstamm): 222 Arbeitstage × 8 Stunden × 65% = 1'155 Stunden.
Schritt 3: Stundensatz berechnen
Sarah sollte also mindestens CHF 120 pro Stunde verlangen, um ihre Kosten zu decken, für die Vorsorge zu sparen und einen Puffer zu haben.
05Branchenübliche Stundensätze in der Schweiz
Die folgenden Stundensätze sind Richtwerte für erfahrene Freelancer in der Schweiz (2025/2026). Anfänger starten in der Regel 20–30% darunter, Spezialisten und Seniors können deutlich darüber liegen.
| Branche / Tätigkeit | Stundensatz (CHF) | Tagessatz (CHF) |
|---|---|---|
| Softwareentwicklung | 140–220 | 1'100–1'760 |
| UX/UI-Design | 120–180 | 960–1'440 |
| Grafikdesign | 100–150 | 800–1'200 |
| Webdesign / Webentwicklung | 120–180 | 960–1'440 |
| Marketing / Social Media | 100–160 | 800–1'280 |
| Texten / Content Creation | 90–140 | 720–1'120 |
| Unternehmensberatung | 150–300 | 1'200–2'400 |
| Fotografie | 100–180 | 800–1'440 |
| Übersetzung | 80–130 | 640–1'040 |
| Buchhaltung / Treuhand | 100–160 | 800–1'280 |
06Tipps zur Preisgestaltung
- Rechne von unten nach oben: Starte immer mit deinen tatsächlichen Kosten, nicht mit dem, was «die anderen verlangen». Dein Stundensatz muss deine individuelle Situation abdecken
- Vergiss die Vorsorge nicht: Viele Freelancer kalkulieren AHV und BVG nicht ein und wundern sich am Jahresende über hohe Nachzahlungen. Diese Kosten sind nicht optional
- Erhöhe regelmässig: Passe deinen Stundensatz jährlich an — mindestens um die Teuerung (LIK-Index). Bei zunehmender Erfahrung und Spezialisierung sind grössere Schritte gerechtfertigt
- Differenziere nach Kunde: Ein Startup mit kleinem Budget und ein Grosskonzern haben unterschiedliche Zahlungsbereitschaft. Viele Freelancer arbeiten mit 2–3 Preisstufen
- Projektpauschalen prüfen: Nicht jeder Auftrag muss nach Stunden abgerechnet werden. Bei klar definierten Projekten kann eine Pauschale für beide Seiten attraktiver sein — und du profitierst von deiner Effizienz. Als Coach z.B. sind Paketpreise für Coaching-Sessions ein bewährtes Modell
- Nie unter deinem Minimum: Kenne deinen Mindeststundensatz (= alle Kosten ohne Gewinnmarge ÷ Stunden) und gehe niemals darunter. Lieber einen Auftrag ablehnen als unter Kosten arbeiten
Excel-Vorlage mit Formeln zur Berechnung deines optimalen Stundensatzes
Wenn du deinen Stundensatz kennst, brauchst du auch eine saubere Zeiterfassung. Lade dir unsere kostenlose Stundenrapport-Vorlage herunter — mit automatischer Betragsberechnung und Monatsübersicht pro Kunde.