01Was ist die Bezugsteuer?
Wenn du als Schweizer Unternehmen Dienstleistungen aus dem Ausland einkaufst, fällt darauf grundsätzlich Mehrwertsteuer an. Anders als bei physischen Waren, die beim Zoll besteuert werden (Einfuhrsteuer), gibt es bei Dienstleistungen keinen Zoll. Stattdessen gilt das Reverse-Charge-Prinzip: Du als Käufer bist selbst dafür verantwortlich, die MWST zu deklarieren und abzuführen.
Diese Selbstveranlagung nennt sich Bezugsteuer. Sie betrifft typischerweise digitale Dienstleistungen wie Software-Abos, Cloud-Hosting, Online-Werbung oder Designtools — also alles, was du von Anbietern wie Adobe, Canva, Google oder Amazon Web Services beziehst.
02Die CHF 10'000-Schwelle
Die entscheidende Frage ist: Wie viel gibst du pro Jahr für ausländische Dienstleistungen aus? Es gilt eine klare Schwelle:
- Unter CHF 10'000 pro Jahr: Keine Bezugsteuer geschuldet. Du musst nichts deklarieren.
- Über CHF 10'000 pro Jahr: Du schuldest 8.1% MWST auf den gesamten Betrag — rückwirkend ab dem ersten Franken, nicht erst ab CHF 10'000.
Diese Schwelle gilt unabhängig davon, ob du MWST-pflichtig bist oder nicht. Sie bezieht sich ausschliesslich auf den Gesamtbetrag aller Dienstleistungen aus dem Ausland innerhalb eines Kalenderjahres.
03Typische Beispiele
Viele Selbständige nutzen täglich ausländische Dienste, ohne sich über die Bezugsteuer Gedanken zu machen. Hier eine Übersicht typischer Software-Abos und deren ungefähre Jahreskosten:
| Dienst | Herkunftsland | Ca. Jahreskosten |
|---|---|---|
| Adobe Creative Cloud | Irland (EU) | CHF 720 |
| Canva Pro | Australien | CHF 180 |
| Google Workspace | Irland (EU) | CHF 250 |
| AWS / Cloud Hosting | USA | CHF 500–5'000 |
| Zoom Pro | USA | CHF 200 |
| Figma | USA | CHF 180 |
| Slack | USA | CHF 100 |
Im obigen Beispiel (ohne grosses Cloud-Hosting) ergibt sich ein Total von rund CHF 2'130 pro Jahr — deutlich unter der Schwelle von CHF 10'000. In diesem Fall fällt keine Bezugsteuer an.
04Wann wird es relevant?
Für die meisten Einzelfirmen bleibt die Bezugsteuer irrelevant. Es gibt aber Szenarien, in denen du die CHF 10'000-Schwelle überschreiten kannst:
- Hohe Cloud-Kosten: Wenn du AWS, Azure oder Google Cloud intensiv nutzt, können die Kosten schnell in die Tausende gehen.
- Online-Werbung: Google Ads oder Meta Ads werden je nach Firmensitz aus dem Ausland fakturiert. Bei grösseren Budgets summiert sich das schnell.
- Viele SaaS-Tools: Wer dutzende Tools gleichzeitig nutzt (Projektmanagement, CRM, Analytics, E-Mail-Marketing, etc.), kommt eventuell in die Nähe der Schwelle.
Wenn du merkst, dass du dich der Schwelle von CHF 10'000 näherst, solltest du deine Ausgaben für ausländische Dienstleistungen gezielt tracken — am besten mit einer Buchhaltungssoftware.
05Deklaration und Abrechnung
Falls du die Schwelle überschreitest, musst du die Bezugsteuer deklarieren. Das geschieht im Rahmen deiner MWST-Abrechnung bei der ESTV. Wie das genau funktioniert, hängt davon ab, ob du bereits MWST-pflichtig bist:
Du deklarierst die Bezugsteuer in deiner regulären MWST-Abrechnung unter «Bezug von Dienstleistungen aus dem Ausland». Wenn du die effektive Methode nutzt und Vorsteuerabzug hast, kannst du die Bezugsteuer gleichzeitig als Vorsteuer geltend machen — der Nettoeffekt ist dann null.
Wenn du nicht MWST-registriert bist, aber die CHF 10'000 überschreitest, musst du dich bei der ESTV eigens für die Bezugsteuer anmelden. Du erhältst dann eine separate Abrechnungspflicht für die Bezugsteuer.